4. Analytische Recherche
Im Zuge des Feedbacks aus der Roundtable-Präsentation haben wir unsere These zum lebenslangen Lernen überprüft, indem wir zukünftige gesetzliche Vorgaben, Normen und politische Zielsetzungen analysiert haben. Dabei stellten wir eine stark wachsende Komplexität von Normen und Vorgaben fest. Es wurde deutlich, dass Lernen im Handwerk künftig auch Dokumentation, Materialwissen und regulatorisches Verständnis umfasst – eine zentrale neue Erkenntnis für uns.
In den folgenden Kapiteln definieren wir diese erzwungene Lernkurve, spiegeln sie an historischen Umbrüchen und blicken über den Tellerrand in andere Industrien, um zu verstehen, wie dieser Wandel zu bewältigen ist.
Erzwungene Lernkurve
Die Recherche bestätigte die Annahme einer Entwicklung hin zu generalistischeren Rollen im Handwerk, getrieben durch Fachkräftemangel, Digitalisierung und neue Materialien. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Spezialisierung, wodurch Handwerker:innen flexibel zwischen Breite und Tiefe wechseln müssen.
Zentral war die Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen künftig über Werkzeugwissen hinausgeht und den Umgang mit Komplexität, Prozessen und Effizienz umfasst.
Historische Transformationsphasen
Die Geschichte des Handwerks ist von wiederkehrenden Transformationsphasen geprägt, in denen es jeweils neue Lern- und Arbeitsformen erforderte. Von frühen Materialwechseln über Zünfte, Buchdruck und Industrialisierung bis hin zu Automatisierung und neuen Werkstoffen verschob sich Lernen stetig von Erfahrungswissen hin zu formalisierter, spezialisierter Kompetenz.
Mit der Digitalisierung werden Werkzeuge vernetzt, Prozesse datenbasiert und Wissen systemisch organisiert – Lernen löst sich weiter vom rein implizierten Erfahurngswissen und wird strukturell erfassbar im Handwerk.
Cross-Industry Benchmark
Die Analyse zeigt, dass andere Branchen Lernen nicht über formale Schulungen organisieren, sondern über arbeitssituative Dokumentation und regelmäßigen Austausch. Wissen entsteht dort aus realen Fällen, Abweichungen und Entscheidungen und wird so für Teams dauerhaft nutzbar. Lernen erfolgt dabei nicht nur individuell, sondern voneinander und miteinander, eingebettet in den Arbeitsalltag.
Für das Handwerk wird deutlich, dass Dokumentation weniger als Archiv zu verstehen ist, sondern als Mittel zur gemeinsamen Orientierung, Abstimmung und Weiterentwicklung.

Interviews
Durch Interviews mit Michael Nanz (Geschäftsführer, Technische Akademie für berufliche Bildung Schwäbisch Gmünd e. V.), Sven Janicki (UnternehmerTUM MakerSpace GmbH) & Florian Küster (Geschäftsführer MakerSpace), Christian Siegel (Modellbau- und Holzwerkstatt, HfG) sowie Fabian Krieg (Handwerker und Student Holztechnik) konnten wir zentrale Kenntnisse gewinnen.
Besonders deutlich wurde, dass Dokumentation von allen als notwendiges Übel, zugleich aber als wichtige Absicherung wahrgenommen wird. Gleichzeitig betonten alle Gesprächspartner das große Optimierungspotenzial im Handwerk, verwiesen jedoch klar auf den beruflichen Stolz der Handwerker:innen, in den nicht direkt eingegriffen werden darf. Entsprechend müsse Unterstützung subtil, respektvoll und nicht bevormundend gestaltet sein.

Synthese
Das Handwerk befindet sich nicht in einer Einzelkrise, sondern in einem langfristigen strukturellen Wandel, in dem steigende Komplexität, Fachkräftemangel und instabile Arbeitskontexte zusammenwirken. Wissen kann nicht mehr an einzelne Personen gebunden bleiben, Lernen verlagert sich in den Arbeitsfluss und wird kollektiv organisiert. In anderen Branchen wird dies nicht über formale Weiterbildung, sondern über arbeitsnahe Praktiken, Übergaben und funktionale Dokumentation gelöst. Für Festool bedeutet das, dass Werkzeuge Teil eines komplexen Arbeitszusammenhangs werden und Arbeit nicht nur ausführen, sondern nachvollziehbar, übergabefähig und lernfähig halten müssen. Die strategische Aufgabe liegt weniger in neuen Produkten als darin, Werkzeuge als Teil eines kollektiven Arbeitsgedächtnisses zu denken, das professionelle Arbeit unter instabilen Bedingungen ermöglicht.