6. Zukunftsbild

Basierend auf den identifizierten Trends und unseren Säulen des Lernens haben wir ein Zukunftsbild für das Handwerk 2035 entworfen, in dem Nachhaltigkeit Gesetz ist. Um dieses komplexe Szenario greifbar zu machen, nutzen wir die Struktur der Experiential Futures Ladder.

Diese Methode dient uns als Navigationssystem: Sie hilft, die abstrakte Vision systematisch in konkrete, erlebbare Ebenen zu übersetzen – vom gesellschaftlichen Rahmen bis zum spürbaren Alltagsproblem. Beginnend mit dem Setting der Naturbau-Initiative der Bundesregierung, bis hin zur konkreten Situation der Handwerker:innen, die das zirkuläre Handwerk im Alltag umsetzen müssen.

Experiential Futures Ladder für World-Building
Zehn Jahre Naturbau-Initative

Bis 2035 haben sich Holz und biobasierte Werkstoffe zu den dominierenden Standards entwickelt. Was heute durch regionale Projekte wie die Holzbauoffensive BW angestoßen wird, wurde durch die 2025 gestartete Naturbau-Initiative der Bundesregierung massiv beschleunigt. Ihr Ziel: Die konsequente Abkehr von ressourcenintensiven Rohstoffen hin zu einem regenerativen Bauhandwerk.


Die Erfolgsbilanz nach einem Jahrzehnt:

Dank der Initiative haben sich Forstwirtschaft und Materialforschung revolutioniert. KI-gestütztes Monitoring und Drohnen schützen Wälder effizient vor Schädlingen und Bränden, während schnell wachsende Holzsorten die Versorgung sichern. Der Holz-Hybrid-Bau ist 2035 der neue Normalfall – klimaneutral, langlebig und wirtschaftlich. Auch innovative Werkstoffe wie Myzel, Hanf und Flachs haben die Nische verlassen und sind flächendeckend zu erschwinglichen Preisen verfügbar.


Die Kehrseite: Totale Transparenz

Dieser Boom hat einen Preis: Biobasierte Materialien werden heute entlang ihres gesamten Lebenszyklus digital erfasst. Nachhaltigkeit ist nicht mehr nur ein Ideal, sondern eine strenge Dokumentationspflicht. Wer baut, muss beweisen. Diese Entwicklung verändert das Handwerk grundlegend. Handwerker:innen übernehmen Verantwortung für Ressourcen, Prozesse und Nachvollziehbarkeit, während bestehende Werkzeuge an ihre Grenzen stoßen. Die zentrale Herausforderung liegt in der effizienten und alltagstauglichen Umsetzung von Nachhaltigkeit.


Video zum Setting & Szenario:

Das zirkuläre Handwerk

In einer zirkulären Wirtschaft endet das Handwerk nicht mehr mit der Montage. Planung, Nutzung und Rückbau sind gleichwertige Teile eines erweiterten Arbeitsprozesses.

Um dies greifbar zu machen, begleiten wir den Schreiner Stefan, dessen Alltag vom permanenten Abgleich zwischen physischem Bauteil und digitalem Zwilling geprägt ist. Sein Arbeitstag zeigt exemplarisch die neuen Schlüsselmomente im zirkulären Handwerk:

  • Beschaffung unter Druck: Stefan muss auf kurzfristige Kundenwünsche reagieren und Materialien finden, die sofort verfügbar sind, aber dennoch strengsten Öko-Zertifikaten entsprechen.
  • Der digitale Wareneingang: Jedes gelieferte Brett wird nicht nur auf Qualität, sondern auf korrekte CO2-Daten geprüft – ohne digitalen Pass kein Einbau.
  • Montage & Haftung: Vor Ort muss jeder Handgriff dokumentiert werden. Improvisation bei Fehlern ist risikoreich, da jede Abweichung im digitalen System protokolliert werden muss, um rechtlich abgesichert zu sein.
  • Übergabe & Nutzung: Der Kunde erwartet heute nicht nur das Werkstück, sondern totale Transparenz (Herkunftsnachweise). Zudem wird die Beratung kritisch: Da biobasierte Materialien stärker “arbeiten” und empfindlicher sind, werden präzise Pflegeanleitungen und Wartungspläne zur Pflicht, um die Langlebigkeit zu sichern.
Problemstellung

Diese neue Realität fordert einen hohen Preis. Die zunehmende Komplexität erzeugt ein Spannungsfeld, in dem der Handwerker:innen wie Stefan zwischen bürokratischer Pflicht und der Notwendigkeit zur ständigen Weiterbildung aufgerieben wird.


Bürokratie verdrängt das Handwerk

Die strengen Nachweispflichten für Materialkreisläufe binden wertvolle Zeit und kognitive Ressourcen. Protokolle und Materialpässe sind zwar für die Legalität zwingend, unterbrechen jedoch den handwerklichen Arbeitsfluss massiv. Dokumentation wird von Stefan nicht als unterstützendes Werkzeug, sondern als Belastung wahrgenommen, die ihn vom eigentlichen Handwerk abhält.


Lernen als isolierte Zusatzlast

Die hohe Dynamik neuer Bio-Materialien und gesetzlicher Vorgaben macht eine kontinuierliche Wissensaneignung unumgänglich. Ohne laufende Optimierung verlieren Betriebe schnell ihre Wettbewerbsfähigkeit. Stefan muss sich das nötige Wissen oft mühsam zusätzlich neben der Arbeit aneignen, was den Aufwand erhöht und die Umsetzung erschwert.


Wissensverlust trotz Datenflut

Obwohl immer mehr Daten erfasst werden, geht praktisches Wissen verloren. Erfahrung bleibt oft im Kopf einzelner Personen, wird nicht strukturiert weitergegeben und verschwindet mit jedem Betriebswechsel oder Ruhestand. Digitale Systeme speichern keine Ergebnisse und Entscheidungswege. Dadurch fehlt Kontext, Lernkurven brechen ab, und Fehler werden wiederholt.

Fragestellung

Unser Zukunftsbild zeigt ein Handwerk, das ökologisch vorbildlich funktioniert, aber operativ an seine Grenzen stößt. Die totale Transparenz der Materialflüsse und die steigende Komplexität neuer Werkstoffe erfordern eine permanente Anpassung, die im Arbeitsalltag kaum noch zu leisten ist. Es fehlt an Werkzeugen, die Handwerker:innen nicht nur kontrollieren, sondern sie aktiv beim Umgang mit diesem neuen Wissen unterstützen.

Vor dem Hintergrund dieses Zukunftsbildes stellt sich für uns die zentrale Frage:

„Wie bewahren wir das Handwerk?“